Das Handwerk blüht am Hausberg von Bozen in Südtirol

Filzpatschen, Tonwerk, Körbe oder Speltenzaun

Die klassische Hand-Arbeit ist ja ein wenig aus der Mode gekommen, vielerorts klappert nur noch die Tastatur. Hier in Südtirol, am sonnigen Plateau des Ritten hoch über Bozen, lebt es noch wie anno dazumal: das Handwerk. Schritt für Schritt und mit viel Liebe zur Arbeit entstehen die Rittner-Patschen (zu Deutsch: Hausschuhe aus Filz), geflochtene Körbe, Kunstwerke aus Naturton oder Einlegesohlen für die Schuhe aus natürlichen Materialien. Es werden Spruchtafeln gedruckt oder Speltenzäune gebaut. Das alles wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen und braucht dann schon mal seine Zeit … dafür halten die Dinge oft ein Leben lang.

Kunsthandwerksmarkt der „Muse“ am 10. September 2022

Dabei scheint der „Kreativort Wangen“ ein besonderer Ort zu sein. Hier küsst die Muse offenbar besser als anderswo. Gleich zwei Künstler und Kunsthandwerker ragen in Wangen aus dem Reigen: Die Korbflechterin und Permakulturistin Elisabeth Pircher sowie Hanni Wieser Schweigkofler mit ihren Rittner-Patschen aus Filz. Sie gehören, ebenso wie Töpfer Julian Burchia und Buchbinderin Maria Mair, zu einer Gruppe von insgesamt 15 engagierten (Kunst-) Handwerkern, die sich unter dem Namen „Muse“ zusammengefunden haben und sich für den Erhalt der Rittner Handwerkstradition einsetzen. Am 10. September 2022 stellen sie beim Kunsthandwerksmarkt am Bahnhof von Klobenstein ihre Arbeiten vor. Der Markt findet nur bei gutem Wetter statt und ist entweder per Auto, zu Fuß, mit dem Bus oder von Bozen aus mit der Rittner Seilbahn und Schmalspurbahn zu erreichen. Der Weg lohnt sich! Übrigens, alle guten Dinge sind drei und um den Handwerkerreigen im Örtchen Wangen am Ritten komplett zu machen: auch der Sohlenproduzent Jonas Gruber kommt aus Wangen.

Hannis echte Rittner Patschen

Hanni Wieser Schweigkofler ist schon, es ist kein Geheimnis, über 70. Ihre Rittner-Patschen näht sie seit einem Vierteljahrhundert alle selbst. Der Lodenstoff von Moessmer aus dem Pustertal hält die Füße auch im Winter schön mollig warm. Das ist das Besondere an den Original Rittner Patschen, darauf legt Hanni großen Wert. Patschen kann schließlich jeder, Rittner-Patschen nur sie. Es gibt sie in den Größen 18 bis 51 zu kaufen, bei der „Muse“, beim Weihnachtsmarkt Rittner Christbahnl und ganzjährig bei ihr zu Hause in Oberbozen. Gebürtig kommt Hanni aus Wangen. Dort hat sie auch schon als Kind von ihrer Tante gelernt, wie sich die Papierblumen aus Krepppapier falten lassen. Früher gab es die für Blumenkränze beim Begräbnis, heute verkaufen sie sich gut beim Ostermarkt. Zu Weihnachten gehen eher die Krippenfiguren, Engel oder die liebevoll selbst gestrickten Wollsocken – und die Rittner-Patschen sowieso.

Körbe und mehr von Elisabeth Pircher

Drei Jahre hat Elisabeth Pircher aus Wangen den Beruf der Korbflechterin gelernt. Seit 2006 produziert sie Körbe am laufenden Band. Die Freude am handwerklichen Schaffen begleitet die heute 55jährige Allrounderin schon ihr Leben lang. Ursprünglich lernte sie Floristin und arbeitete auch viele Jahre in ihrem Beruf. So passt es gut, dass Elisabeth nicht nur Kurse im Korbflechten gibt, sondern auch zu Permakultur, Kräutersammeln oder Blumenbinden mit Wildblumen. Die müssen natürlich, wie könnte es anders sein, auch vom Ritten kommen. Die Kräuter wachsen am eigenen Hof. Zusammen mit ihrer Tochter Eva Weger, einer begeisterten Schneiderin und Sprüche-auf-Altholz-Malerin, ist Elisabeth manchmal auch auf Märkten wie dem der „Muse“ anzutreffen.
https://www.elisabethpircher.com/


Gut zu Fuß mit Jonas Gruber

Jonas Gruber kommt nicht nur aus Wangen am Ritten, dem 26jährigen Schreiner kommen – wie vielen anderen Menschen auch - beim Gehen die besten Ideen. Seine Erfindung hat unmittelbar mit dem Gehen zu tun: bei seiner „bergsohle" handelt es sich um eine Einlegesohle für Schuhe. Das Innovative daran? Es kommen nur natürliche Materialien wie das Holz der Zirbelkiefer, Kork und Leinen zum Einsatz. Damit schaffte es Jonas 2020 sogar auf den dritten Platz des EUSALP-Jugendwettbewerbs. Mit Fug und Recht, denn die bergsohle hat wirklich bemerkenswert viele Vorteile. Der Materialmix sorgt für warme, trockene Füße; Müffelfüße gehören der Vergangenheit an. Darüber hinaus wirkt sie kälteabweisend und antibakteriell und speichert auch noch Wärme. Es gibt die bergsohle für die Schuhgrößen 37 bis 46, individuelle Maße schneidet Jonas problemlos zu. Also demnächst bergsohle einlegen und auffi auf’n Berg!
https://m.facebook.com/bergsohle/


Wie handgeschnitzt: die Bergteller von Julian Burchia

Die Kunstserie „Bergteller“ aus 2020 bilden nur einen Ausschnitt aus der Arbeit mit Ton von Julian Burchia. Der 32jährige Töpfer aus Leidenschaft wohnt in Oberbozen und war von Anfang an von diesem natürlichen Werkstoff fasziniert. Nach dem Studium Internationale Entwicklung, Reisen nach Honduras und in die Permakultur, landete Julian 2017 beim Töpfern. Daran faszinieren ihn der Wandel der Materie, das Erforschen neuer Formen und Strukturen, das Experimentieren mit natürlichen Materialien, die Spannung beim Brennen und der Moment beim Öffnen des Ofens. Julian lässt sich gerne in seiner Werkstatt über die Schulter sehen. Die ideale Gelegenheit, ein neues Lieblingsstück gleich mit nach Hause zu nehmen! Wenn er nicht gerade an Amphoren, Tellern oder Schalen arbeitet, buddelt er vielleicht irgendwo am Ritten wilden, natürlich vorkommendem Ton für seine Arbeiten aus.
https://www.instagram.com/jul.keramik/


Von Marys Papierwerkstattl bis nach Hongkong

Seit ihrer Kindheit lebt Maria Mair auf dem Ritten. Die Buchbinderin aus Unterinn ist heute 42 Jahre alt und arbeitet seit sieben Jahren in ihrem kleinen, feinen Papierwerkstattl, das sie sich am Hof ihres Bruders eingerichtet hat. Geschickt hantiert Maria mit Pappe, Leinen, Leder, Holz und Leim, häufig auch für Auftragsarbeiten wie Alben für eine Taufe oder Hochzeit, Glückwunschkarten oder ein Tourenbuch. Beim Buchbinden mit Leinen und Bleibuchstaben kam Maria schon bald die Idee, Spruchtafeln zu fertigen. Dabei prägt sie Sprüche auf Leinen, als Unterlage dienen Altholz oder Schwarzstahl. Mittlerweile gibt es Spruchtafeln für jeden Anlass, auf Kunsthandwerksmärkten oder im eigenen Online-Handel. So reisen die Tafeln vom Ritten bis nach Hongkong, Dubai, Irland oder in die Schweiz. Maria geht auch gerne an Schulen, wo sie Kinder für das Buchbinden begeistert. Das einzige Manko von Marys Papierwerkstattl: Es ist mit knapp 20 Quadratmetern leider zu klein zum Zuschauen.
https://www.selbergmocht.it/hersteller/marys-papierwerkstattl/


Der Zaun-Zauberer vom Weberhof

Wer aufmerksam auf dem Ritten unterwegs ist, bemerkt schnell die besonderen Zäune hier oben: gerissene (und nicht gesägte!) Holzlatten, verbunden durch ein kunstvolles Flechtwerk aus Zweigen. Diese sogenannten Speltenzäune zu flechten ist eine Kunst, die gänzlich in Vergessenheit geraten war. Bis sie die Familie von Walter Rottensteiner vor Jahrzehnten wieder ausgrub. Sein Vater guckte sich von den noch vorhandenen Zäunen einfach ab, wie es geht, und gab das Wissen an den Sohn weiter. So kam es, dass heute bei Walter die Anfragen einlaufen, wenn ein neuer Speltenzaun gebraucht wird – oder ein alter Zaun repariert werden soll. Der original Rittner Speltenzaun mit seinem besonderen Flechtmuster steht nämlich ganz nebenbei für pure Nachhaltigkeit. Morsche Spelten werden einfach ausgetauscht, das Flechtwerk erneuert. Sieht super aus und drüber kommt auch kaum einer, Tiere sowieso nicht. Solange Walter, eigentlich Schreiner und heute Bauer, noch kann, schlängeln sich die Speltenzäune auch weiter über den Ritten.
https://www.weberhof.net/


Weitere Informationen unter www.ritten.com

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Katja Driess
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driess@girasole-pr.de