Corona-Krise und kein Ende für die Touristik?

Stimmen von Touristikern aus Italien und Deutschland über die aktuelle Lage und die Chancen der Krise

Noch nie ist so eine Krise im Tourismus dagewesen. Covid-19 ist weltumspannend und bringt das Reisen global zum Erliegen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der derzeitigen Lage für die einzelnen Player der Branche wie Hoteliers, Regionen und Veranstalter sind noch nicht abzusehen. Wie sehen Tourismusexperten aus Italien und Deutschland die Situation und hat die Krise auch ihr Gutes? Wir haben nachgefragt.

Neues Bewusstsein, wiedergewonnene Solidarität und eine andere Wertschätzung des Glücks sind die Chancen der Krise in Südtirol und Italien
Allein 2018 haben mehr als 7,5 Millionen Gäste Südtirol besucht. Insgesamt machte das mehr als 33 Millionen Übernachtungen im Jahr aus. Urlauber aus aller Welt strömten jährlich in unser Alpendomizil – jedenfalls bisher. Seit Donnerstag, den 5. März 2020, als das deutsche Robert-Koch-Institut Südtirol zum Risikogebiet erklärte und das Auswärtige Amt vor Reisen in unsere Region warnte, herrscht absoluter Ausnahmezustand. Gäste aus aller Welt packten plötzlich die Koffer, reisten ab und die Hotels wurden von einer Stornierungswelle erfasst, die einem Tsunami gleichkam. Die Hotelbesitzer wurden mit einer Pandemie konfrontiert, die jeden noch so treuen Stammgast abreisen ließ. Ein Albtraum! Jahrzehntelang haben die Hoteliers Aufbauarbeit geleistet, investiert und kleine Gastbetriebe in Hotelresorts verwandelt, um dem internationalen Wettbewerb standzuhalten. Dann kam etwas, womit niemand gerechnet hatte. Ein Schock, in wirtschaftlicher Hinsicht für viele absolut dramatisch! Jeder muss nun plötzlich umdenken. Wir als Marketingagentur für Hotels und Destinationen sind aktuell mehr denn je gefragt, beraten Kunden, wie sie mit Stornierungsbedingungen umgehen sollen und welche Maßnahmen sie ergreifen können, um nach der Krise möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen. Wir tauschen uns mit den Hoteliers aus, klären auf, helfen, stehen zur Seite und sind auch ein bisschen Seelsorger. Seit 11. März und der staatlich verordneten Zwangsquarantäne steht das Leben in ganz Italien still. Und genau das ist inmitten der Katastrophe die gute Seite dieser Viruskrise. Die auf Leistung getrimmte Gesellschaft hält nun inne, legt eine Verschnaufpause ein, besinnt sich auf die wichtigen Dinge. Meine Zuversicht ist, dass wir nach dieser Krise alle wieder zufriedener sind, verbundener miteinander, dass sie unser Gemeinschaftsgefühl wieder weckt. Vielleicht ist also erst dann der richtige Zeitpunkt gekommen, um Bilanz zu ziehen: Wenn genügend Unterstützungsmaßnahmen getroffen wurden, um die Auswirkungen des Coronavirus abzufedern. Wenn Skifahrer die Südtiroler Hänge wieder befahren, in den urigen Hütten der Zauber wiedereinkehrt und die Wellness-Hoteloasen neu florieren. Wenn Touristen die Symbiose aus mediterranem Klima und Tiroler Kulinarik, Tradition und südländischem Temperament wieder leben; aber mit einem neuen Bewusstsein, einer wiedergewonnenen Solidarität und dem Wissen, dass unser Glück – auch jenes, in einem boomenden, aber vor allem reich gesegneten Bergidyll zu leben – nicht selbstverständlich ist; fragiler, als wir dachten und deshalb auch wertvoller, als wir es wussten.
Michael Oberhofer, einer der drei Inhaber und Geschäftsführer von Brandnamic, der führenden Südtiroler Agentur für Hotel- und Destinationsmarketing in Pairdorf bei Brixen

Ferienhausurlaub auf Sylt nach der Krise im Aufwind
Sylt ist eine kleine Insel, die Krankenhauskapazitäten sind begrenzt. Nach der Ausweitung der Krise in Deutschland war klar, damit die Sicherheit der Gäste gewährt bleibt, müssen sie abreisen. Viele Gäste stornieren oder versuchen die Buchungen auf einen späteren Zeitpunkt im Jahr zu schieben. Ferienhäuser profitieren von der Tatsache, dass sie kleine Einheiten sind. Hier entscheidet der Gast selbst wieviel Sozialkontakt er haben will und kann sich auch zurückziehen. Ferienhausurlaub passt in diese Zeit der Verunsicherung und Sorge und wir gehen von zahlreichen Buchungen im Sommer / Herbst aus und blicken, trotz derzeitigem Leer- und Stillstand, positiv in die Zukunft.
Edeltraut Sperr, Gastgeberin bei den SENHOOG Luxury Holiday Homes

Solidarität im Großen und Kleinen wirkt als Waffe gegen den Virus in Italien
Das "öffentliche Leben" in Italien ist momentan auf Pause! Die meisten Angestellten arbeiten im Home Office. Wir kommunizieren über Videokonferenzen, legen tägliche Meetings fest, besprechen die Lage und arbeiten an unseren Projekten weiter. Wir hoffen natürlich alle, dass bald wieder Normalität einkehrt und die Touristen spätestens im Sommer, wenn die warmen Temperaturen dem Virus hoffentlich zusetzen, in unsere schöne Region Emilia Romagna zurückkehren, aber aktuell geht die Gesundheit vor. Wann die ersten Urlauber zurückkehren, hängt in erster Linie davon ab, wie sich die Länder weltweit verhalten werden, denn nur wenn alle jetzt für eine Zeit zu Hause bleiben, lässt sich die Verbreitung des Covid-19 stoppen und verhindern, dass zu viele Patienten gleichzeitig in die Intensivstation müssen. Die Hilfsbereitschaft der Menschen und die Solidarität in der Krise ist einzigartig und macht Hoffnung. So haben einige junge Leute aus Rimini 3.500 Postkarten gedruckt und in der Stadt verteilt. Der Text der Karte ist so schön! Er lautet: "Wie geht es Dir? Können wir etwas für Dich tun? Alles wird gut gehen.“ Auf den Karten stehen auch die Handynummern von drei Mitgliedern der Gruppe. Diese bieten sich an für ältere oder hilfsbedürftige Leute Einkäufe zu organisieren, nach Hause zu bringen oder auch andere Dinge zu erledigen. Auch die Kommunen untereinander halten ständig Kontakt und stimmen sich mit den Behörden über den bestmöglichen Schutz der Zivilbevölkerung ab. Der Bürgermeister von Rimini, Andrea Gnassi, spricht täglich via Video-Message auf Facebook zu den Bürgern. Er fordert sie auf, zu Hause zu bleiben und vor allem durchzuhalten!
Claudia Valentini, PR-Managerin in Rimini

Allgäu: Mit abgestimmtem Gesundheitsplan zurück zum touristischen Erfolg
Die AllgäuTopHotels schließen konsequent ihre Pforten. Wir möchten alles dazu beitragen, um den Virus einzudämmen und die getroffenen politischen Maßnahmen zu unterstützen. Dies ist natürlich schon eine sehr fordernde Situation für die Betriebe. Alle Hotels haben viel investiert und müssen dieses Geld nun erst einmal wieder verdienen. Das Allgäu ist aber eine sehr starke Region. Wir schaffen das gemeinsam, sind aber auf die Unterstützung der Politik auf alle Fälle angewiesen. Grundsätzlich besteht eine hohe Solidarität unter den Betrieben und Informationen, wie zum Beispiel die Handhabung von Kurzarbeit oder mögliche Maßnahmen zur Stärkung der Liquidität, werden über einen gemeinsamen Kanal geteilt. Das wichtigste Ziel ist, in der Zwischenzeit einen Weg zu finden, der uns auch in unsicheren Zeiten eine sichere Basis zum Arbeiten ermöglicht. Wir brauchen zeitnah einen mit den Gesundheitsbehörden abgestimmten Plan, wie wir ihn z.B. für den Umgang mit dem Norovirus bereits haben. Alle Abläufe, wie das Coronavirus zukünftig zu handhaben ist, müssen klar sein. Es darf keine Gefahr mehr bestehen, dass wenn ein Gast oder Mitarbeiter Fieber hat, deswegen der ganze Betrieb geschlossen wird. Das wäre auf Dauer nicht zu schaffen. Wir haben eine hohe Gesundheitskompetenz und eine gute Gesundheitsinfrastruktur vor Ort. Es gilt, gemeinsam einen guten Weg zu finden, damit die Betriebe im Allgäu so bald wie möglich wieder durchstarten können.
Sybille Wiedenmann, Geschäftsführerin AllgäuTopHotels

Hotel Bella Vista, Trafoi, Südtirol: Der Panorama-Speisesaal wird zum Großraum-Klassenzimmer für die Kinder der Hoteliersfamilie
Die Notverordnung der italienischen Regierung kam über Nacht. Am nächsten Morgen musste der Alltag binnen Stunden auf "null" gefahren werden. Sämtliche Hotels, alle Skigebiete, Bars und Restaurants geschlossen, Gäste und Mitarbeiter verabschieden, Geschäfte zu, alle Kinder haben schulfrei bis Ostern. Ausgangssperre! Auch unser Hotel war von einem Moment auf den anderen leer. Plötzlich waren wir allein. Wir, das sind meine Frau Petra, die Hotelierin vom Hotel Bella Vista, und unsere vier Kinder, die Schwester meiner Frau mit Mann und ihren drei Kindern und ich. Spontan entschieden wir, wir bleiben jetzt für die nächsten fünf Wochen hier und machen das „Familienhotel“ kurzerhand zum Refugium für die eigene Familie. Die Hotelzimmer haben wir zu Kinderzimmern umfunktioniert, der Panorama-Speisesaal dient als Großraum-Klassenzimmer. Jedes der schulpflichtigen Kinder hat seine eigene Schulbank zur Erledigung der Schulaufgaben. Plötzlich verstehen wir, wie es damals in der „Bergschule“ gewesen sein muss, als Kinder unterschiedlicher Altersstufen zusammen in einem Klassenzimmer Unterricht bekommen haben. Für die Erwachsenen ist „smart working“ angesagt: telefonieren, mailen und virtuelle Meetings, anfangs etwas ungewohnt, aber schließlich geht es dann doch ganz einfach. Hauptsache wir haben Strom und Internet, dann ist alles gut. Die Hotelküche wird zum familiären Mittelpunkt, dort wo normalerweise unser Küchen-Chef mit seinem Team zaubert, kocht jetzt die Familie. Auch die Kinder bringen sich voll ein, jeder will helfen – jeder will seinen Beitrag leisten, ob beim Decken, Kochen oder Spülen. Die Vorratskammer des Hotels ist noch gut gefüllt, denn schließlich hätte die laufende Wintersaison noch bis nach Ostern gehen sollen. Die kleinen Schätze aus dem Weinkeller begleiten uns Erwachsenen durch die Abende am Kaminfeuer, mit den Kindern spielen wir Brett- und Strategie-Spiele, für die wir sonst nie Zeit hatten. Fürs Wochenende planen wir einen gemeinsamen Kino-Abend auf der Großleinwand. Durch den Stillstand haben wir die Chance bekommen unser eigenes Hotel selbst zu genießen und nehmen plötzlich alles anders wahr. Zum ersten Mal in unserem Leben haben auch wir hier in Trafoi Urlaubsgefühle, bekommen die Entschleunigung und Erdung zu spüren, von der unsere Gäste immer schwärmen. Wir freuen uns über die kleinen Dinge des Lebens, genießen die Lichtspiele der Bergkulisse und machen kleine Spaziergänge in die umliegende Natur. Trotz Abgeschiedenheit bekommen wir regelmäßig Besuch. Durch die neue Ruhe am Hotel wagen sich die Rehe und Hirsche bis auf die Hotelterrasse, sie kommen immer pünktlich gegen 17.00 Uhr. Trotz der bedrückenden Situation, sind die Kinder erfüllt vom neuen Lebensgefühl und fragen: wie lange dürfen wir eigentlich hierbleiben? Aktuell gibt es keine neuen Urlaubs-Anfragen: Reisen ist verboten! Die größte Absagewelle ist vorüber. Jetzt gilt es, die Anzahlungen zurück zu zahlen oder Buchungen in Richtung Sommer zu verschieben. Zwischendurch melden sich Stammgäste mit Solidaritätsbekundungen: „Wenn diese Virus-Welle vorbei ist kommen wir bestimmt wieder!“ Darüber freuen wir uns sehr, dass das Leben hier oben auch wieder seinen normalen Lauf nehmen wird. Aber vorerst überbrücken wir die erzwungene Abgeschiedenheit am „Ende der Welt bzw. am Anfang vom Paradies“ … allein!
Stephan Gander, Südtirol Marketingexperte & Touristiker

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